Ĥadīth: „Du wirst Leute der Schrift antreffen, lasse deine erste Handlung jene sein, sie dazu aufzurufen, zu bezeugen: „Lā Ilāha illa Allah."

Von Ibn ‘Abbāş, Allahs Wohlgefallen auf ihm, wird berichtet, dass als der Gesandte Allahs, möge Allah ihn loben und Heil schenken, Mu‘ādh nach Jemen entsandte, sagte er: „Du wirst Leute der Schrift antreffen, lasse deine erste Handlung jene sein, sie dazu aufzurufen, zu bezeugen: „Lā Ilāha illa Allah (Es gibt keinen anbetungswürdigen Gott, außer Allah).“

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Seine Aussage: „[…] als der Gesandte Allahs, möge Allah ihn loben und Heil schenken, Mu‘ādh nach Jemen entsandte.“ Entsenden bedeutet: Jemanden (mit einem Auftrag) schicken.

Seine Aussage: „Nach Jemen.“ Dies ist die bekannte Gegend, südlich der arabischen Halbinsel. Sie wird al-Yamann (dt. Jemen) genannt, weil sie rechts (Ayman) von der Ka‘bah liegt. Und asch-Schām (heute Syrien) wird so genannt, weil es links von der Ka’bah liegt.

Er entsandte Mu’ādh im Jahre zehn nach der Hidjrah. Es wurde aber auch gesagt, dass er ihn am Ende des Jahres Neun entsandte, bevor er, möge Allah ihn loben und Heil schenken, verstarb. Er entsandte einen Richter, einen Lehrer und einen Rufer (Dā’ī) zum erhabenen Allah, der den Gesandten Allahs, möge Allah ihn loben und Heil schenken, in diesen wichtigen Aufgaben vertrat.

Erstens:          Hierin ist ein Beweis, dass es legitim ist, Leute für die Da’wah zum erhabenen Allah zu entsenden und dass dies eine prophetische Şunnah ist.

Zweitens:       Hier zeigt sich der Vorzug von Mu’ādh, Allahs Wohlgefallen auf ihm, da der Prophet, möge Allah ihn loben und Heil schenken, ihn für diese wichtige Aufgabe auserwählt hat. Das weist wiederum auf seinen Vorzug und sein Wissen hin, da der Gesandte Allahs stets nur diejenigen entsandt hatte, bei denen die erforderlichen Bedingungen erfüllt waren. All diese Bedingungen waren in Mu’ādh, Allahs Wohlgefallen auf ihm, erfüllt. Er war der Wissendste unter den Leuten in Bezug auf das Erlaubte und das Verbotene.

Hierin ist auch ein Beweis dafür, dass es zulässig ist, mit der Nachricht (Überlieferung) einer einzigen Person zu arbeiten. Denn der Gesandte Allahs, möge Allah ihn loben und Heil schenken, hat Mu’ādh alleine geschickt. Das beweist, dass es legitim ist, sich auf eine (überlieferte) Benachrichtigung zu stützen. Es ist nicht Voraussetzung, dass diese Benachrichtigung von mehreren Leuten überliefert sein muss, so wie es einige dieser Unwissenden sagen. Sie sagen: „In Angelegenheiten der ‘Aqīdah (Glaubenslehre) dürfen keine Benachrichtigungen von Einzelnen akzeptiert werden.“ Doch der Prophet, möge Allah ihn loben und Heil schenken, hat sich damit begnügt, einen einzigen mit der Benachrichtigung zu entsenden. Er entsandte Mu’ādh nach Jemen, um zu Allah zu rufen und den Tauĥīd zu lehren. Das ist Tatsache. Der Prophet  pflegte nie seine Gesandten in Gruppen zu entsenden, sondern immer nur einzeln, so wie er ‘Alī allein entsandte, Mu’ādh und Abū ‘Ubaidah Ibn al-Djarrāĥ. Das ist ein Beleg dafür, dass es sowohl in den Fundamenten der Religion (Uşūlu d-Dīn) als auch in den abgezweigten Dingen (Furū‘) die Benachrichtigungen eines Einzelnen erlaubt sind. Was jedoch die Aussage der Gelehrten des al-Kalām[1] anbetrifft, so ist diese falsch.

„Er sagte zu ihm: „Du wirst Leute der Schrift antreffen.““ Dies ist die Ermahnung des Führers an seinen Gesandten, wenn er ihn in solch eine Mission schickt. Er gibt ihm die Methodik (Manhadj) vor und zeichnet ihm den Weg auf, auf den er schreiten soll. Dies war stets die Şunnah des Gesandten Allahs, möge Allah ihn loben und Heil schenken, in all seinen Missionen gewesen, nämlich dass wenn er eine Armee oder einen Spähtrupp entsandt hatte, er sie vorher ermahnte.

„Leute der Schrift (Ahlu l-Kitāb).“ Die Leute der Schrift, die hier gemeint sind, sind Juden und Christen. Sie werden Leute der Schrift genannt, weil der Allah die Thora und das Evangelium als Offenbarung auf sie herabgesandt hat. Die Thora sandte Er auf Mūşā (Moses) herab und das Evangelium auf ‘Īşā (Jesus), möge Allah sie loben und Heil schenken. Die Gefolgschaft dieser Propheten werden Leute der Schrift genannt, als Unterscheidung zwischen ihnen und den Heiden, die kein (Offenbartes) Buch hatten und an keine Gesandten glaubten.

Die Absicht des Propheten, möge Allah ihn loben und Heil schenken, dahinter war, dass Mu’ādh sich auf eine bestimmte Gruppe von Menschen einrichten sollte, nämlich die Leute der Schrift. Diese Leute bedürfen einer wissenschaftlichen Vorbereitung, um mit ihnen diskutieren und debattieren zu können.

Dies ist ein Beweis dafür, dass der Rufer (Dā’ī) über die Lage derjenigen Bescheid wissen muss, die er einladen möchte. Dies gehört zum Manhadj (Methodik) der Da’wah: Der Rufer schaut sich die Lage der Leute genau an, die er einladen möchte und redet mit jedem von ihnen auf die Art und Weise, die seiner Auffassungsgabe entspricht. Wenn er mit Gelehrten redet, dann redet er mit ihnen auf die Art und Weise, die ihrer Stellung entspricht. Und wenn er mit einfachen Leuten redet, dann redet er mit ihnen auf die Art und Weise, die ihrer Auffassungsgabe entspricht. Die Leute befinden sich nicht alle auf derselben Stufe (an Wissen und Auffassungsgabe). Ein Rufer darf deshalb nicht die Gelehrten auf eine Art und Weise ansprechen, die eher für die einfachen Leuten geeignet wäre. Und genauso darf er nicht die Unwissenden auf eine Art und Weise ansprechen, die eher für Gelehrte angebracht wäre. Auch darf er die Machthaber nicht mit dem ansprechen, mit dem er die Allgemeinheit anspricht oder die Allgemeinheit mit dem ansprechen, was eher für die Machthaber geeignet wäre. Jeden muss er auf die Art und Weise ansprechen, die nötig ist, damit er die Wahrheit akzeptiert.  Der erhabene Allah sagte zu Seinen beiden Gesandten Mūşā und Hārūn (Aaron), möge Allah sie loben und Heil schenken, als Er sie zu Fir’aun (Pharao) entsandte: "Und so redet mit ihm in sanften Worten, auf dass er bedenken oder sich fürchten möge.“"[2]

Seine Aussage: „Lasse deine erste Handlung jene sein, sie dazu aufzurufen, zu bezeugen: „Lā Ilāha illa Allah (Es gibt keinen anbetungswürdigen Gott, außer Allah).“ Hier wird deutlich, dass es bei der Da’wah Stufen gibt und dass man mit den Wichtigsten Dingen anfangen muss. Dies ist die Methode der Gesandten. Sie fangen stets als erstes damit an, die Menschen dazu aufzurufen, zu bezeugen: „Lā Ilāha illa Allah.“ Denn das sind der Grundsatz und das Fundament, auf dem die Religion aufgebaut wird. Erst wenn das Bekenntnis zu „Lā Ilāha illa Allah“ verwirklicht wurde, kann man alle anderen Sachen darauf aufbauen. Wenn aber das Bekenntnis zu „Lā Ilāha illa Allah“ nicht verwirklicht wurde, dann machen auch alle anderen Dinge keinen Sinn. Du kannst nicht die Menschen zum Gebet rufen, während sie immer noch Schirk begehen. Und du kannst sie nicht zum Fasten, zur Spende, zum Zakāt, zum Pflegen der Verwandtschaftsbande und so weiter aufrufen, während sie Allah Partner beigesellen. Denn du hast nicht zu Anfang, das Fundament gelegt. Dieses, missachten viele Rufer in unserer heutigen Zeit, sie scheren sich nicht um das Bekenntnis „Lā Ilāha illa Allah“. Stattdessen rufen sie die Menschen eher dazu auf, Zinsen zu unterlassen, eine gute Umgangsform anzunehmen, mit dem zu richten, was Allah als Offenbarung herabgesandt hat und so weiter. Doch den Tauĥīd erwähnen sie nicht und wenden sich ihm auch nicht zu, so als wäre dieser nicht verpflichtend für sie. Es gibt keine Kraft noch Macht außer bei Allah (lā Ĥaula wa lā Quwwatah illā Billāh).

Diese Menschen, egal wie sehr sie sich abmühen, ihre Taten werden ihnen nichts nützen, bis sie den Grundsatz und das Fundmanet verwirklichen, auf dem alle Angelegenheiten der Religion aufgebaut werden, wie Gottesherrschaft (Ĥākimiyyah), das Gebet, Zakāt, Pilgerfahrt und so weiter. Dies ist also der Manhadj (Methodik) der Gesandten: "Und Wir haben ja bereits in jeder Gemeinschaft einen Gesandten erweckt: „Dient Allah und meidet die falschen Götter.“"[3] Und der erhabene Allah erwähnte auch im Bezug auf Nūĥ (Noah), dass die ersten Worte, die er an sein Volk richtete, folgende waren: "Wir sandten doch bereits Nūĥ zu seinem Volk, und da sagte er: „O mein Volk, dient Allah! Keinen Gott habt ihr außer Ihm.“"[4] "Und (Wir sandten) zu ‘Ād ihren Bruder Hūd. Er sagte: „O mein Volk, dient Allah! Keinen Gott habt ihr außer Ihm.“"[5] "Und (Wir sandten) zu Thamūd ihren Bruder Şāliĥ. Er sagte: „O mein Volk, dient Allah! Keinen Gott habt ihr außer Ihm.“"[6] "Und (Wir sandten) zu Madyan ihren Bruder Şu‘aib. Er sagte: „O mein Volk, dient Allah! Keinen Gott habt ihr außer Ihm.Nun ist ein klarer Beweis von eurem Herrn zu euch gekommen; so gebt volles Maß und Gewicht."[7]Somit war bei jedem Propheten das Erste, womit er seine Da’wah begann, zu bezeugen, dass es gibt keinen anbetungswürdigen Gott, außer Allah. Sie riefen alle zum Tauĥīd auf und zum bessern der ‘Aqīdah (isl. Glaubenslehre). Erst danach haben sie die Menschen schließlich zu den restlichen Handlungen der Religion gerufen. Doch dass man umgekehrt anfängt, in dem man mit den Einzelheiten und den Details beginnt und das Fundament sein lässt, diese Taten werden keinen Nutzen haben. Gehen wir mal davon aus, dass die Gesellschaft sich von den Zinsen weit entfernt hat, nun auf das Gebet achtet, die Moscheen füllt und alle Handlungen der Religion umsetzt, doch hinsichtlich des Tauĥīds nicht aufrichtig ist, indem sie andere neben Allah anruft, wie zum Beispiel die Gefolgsleute Allahs (Awliyā`), die Rechtschaffenen, die Gesandten und die Gräber. Hier haben all ihre Taten, die sie verrichtet hat, keinen Nutzen für sie. Diese Menschen sind keine Muslime, egal wie oft sie beten und fasten.

 

 

 



[1]
Anmerkung des Übersetzers:        Im arabischen „’Ilm al-Kalām“: Von der Philosophie beeinflusste Richtung, die in der muslimischen Welt entstand, vor allem nachdem die griechische Philosophie ins Arabische übertragen wurde. Zu dieser Richtung gehören u.a. die al-Mu’tazilah.

[2] TāHā 20:44

[3] An-Naĥl 16:36

[4] Al-A’rāf 7:59

[5] Al-A’rāf 7:65

[6] Al-A’rāf 7:73

[7] Al-A’rāf 7:85

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