Das Rezitieren der al-Fātiĥah während des Gebets

 


Frage:

 

Ich wollte gerne wissen, wo ich einen Beweis dafür finde, dass man beim leisen Gemeinschaftsgebet die Sure al-Fātiĥah rezitieren soll. Ich persönlich Rezitiere es immer bei leisen Gemeinschaftsgebeten, aber ein Bruder ist der Meinung, dass der Imām alles rezitiert und man still sein muss. Bārakallāhu Fīk.

 

Antwort:

Alles Lob gebührt Allah.

Das Rezitieren der al-Fātiĥah gehört zu den Säulen des Gebets und ist in jeder Rak’ah (Gebetsabschnitt) sowohl durch den Imām als auch von denen, die von ihm geleitet werden, rezitiert werden, weil der Prophet – möge Allah ihn loben und Heil schenken – sagte: „Es gibt kein (gültiges) Gebet für den, der nicht die eröffnende des Buches (d.h. al-Fātiĥah) rezitiert hat.“ [verzeichnet bei al-Buchārī, 714]. Was jedoch das Rezitieren der al-Fātiĥah hinter dem Imām in einem Gebet angeht, wo der Qur`ān laut rezitiert wird, so gibt es hier zwei Meinungen der Gelehrten:

Die erste Meinung besagt, dass es Pflicht ist. Der Beweis hierfür ist die allgemeine Bedeutung des Ĥadīths des Propheten - möge Allah ihn loben und Heil schenken: „Es gibt kein (gültiges) Gebet für den, der nicht die eröffnende des Buches (d.h. al-Fātiĥah) rezitiert hat.“ Und als der Prophet – möge Allah ihn loben und Heil schenken – demjenigen das Gebet gelehrt hat, der nicht richtig beten konnte, sagte er zu ihm, er solle die al-Fātiĥah rezitieren.

Es wurde in einem authentischen Bericht überliefert, dass der Prophet - möge Allah ihn loben und Heil schenken - in jeder Rak’ah die al-Fātiĥah rezitieren hat. Al-Ĥāfidh Ibn Ĥadjar sagte in „Fatĥ al-Bārī“: „Es wurde bewiesen, dass es in einem Gebt, wo der Qur`ān laut rezitiert wird, für denjenigen, der hinter dem Imām betet, erlaubt ist, die al-Fātiĥah ohne Einschränkung zu rezitieren. Das ist das, was von al-Buchārī in „Djuz` al-Qirā`ah“, von at-Tirmidhī, von Ibn Ĥibbān und von anderen über Makĥūl überliefert wurde, nämlich dass Maĥmūd Ibn ar-Rabee’ über ’Ubādah sagte: „Dem Propheten – möge Allah ihn loben und Heil schenken – fiel an einem Fadjr-Gebet die Rezitation schwer. Als er fertig war, sagte er: „Ihr rezitieren bestimmt hinter dem Imām?“ Sie sagten: „Ja.“ Er sagte: „Mach das nicht, abgesehen von der eröffnenden des Buches (d.h. al-Fātiĥah), denn es gibt kein (gültiges) Gebet für den, der es nicht rezitiert.“

Die zweite Meinung besagt, dass die Rezitation des Imāms auch gleichzeitig die Rezitation desjenigen ist, der hinter ihm betet. Der Beweis hierfür ist der Vers: "Und wenn der Qur`ān vorgetragen wird, dann hört ihm zu und horcht hin, auf dass ihr Erbarmen finden möget!" [al-A’rāf 7:204].

Ibn Ĥadjar sagte: „Diejenigen, die sagen, dass der, der in den Gebeten, wo der Qur´ān laut rezitiert wird, hinter einem Imām betet, nicht selbst rezitieren darf, wie die mālikītische Schule. Sie nehmen folgendes Zitat aus dem Ĥadīth als Beweis dafür: „Wenn er (der Imām) rezitiert, dann hört ihm aufmerksam zu.“ Dies ist ein authentischer Ĥadīth, den Muşlim über Abu Mūşā al-Asch’arī verzeichnet hat.“

Diejenigen, die sagen, dass es Pflicht ist, sagen aber auch, dass es erst nach dem Imām rezitiert werden darf, d.h. nachdem er seine Rezitation der al-Fātiĥah beendet hat und bevor er damit beginnt, eine andere Sure zu rezitieren. Ibn Ĥadjar sagte: „Er sollte zuhören, wenn der Imām rezitiert und rezitieren, wenn er schweigt.“

Scheich Ibn Bāz sagte: „Das, was mit Pausen des Imāms gemeint ist, ist wenn er während der Rezitation der al-Fātiĥah oder nach der Rezitation der al-Fātiĥah oder nach der Rezitation einer anderen Sure, eine Pause einlegt. Wenn jedoch der Imām keine Pause einlegen sollte, dann muss derjenige, der hinter ihm betet, die al-Fātiĥah trotzdem rezitieren, auch wenn der Imām gerade dabei ist zu rezitieren. Dies ist die richtigere der beiden Meinungen.“ [Siehe Fatāwah Scheich Ibn Baz, Band 11, S. 221].

Dem Ständigen Ausschuss der Gelehrten wurde eine ähnliche Frage gestellt, worauf sie wie folgt geantwortet haben: „Die richtigere Aussage der Gelehrten ist die, dass das Rezitieren der al-Fātiĥah Pflicht ist, sowohl für den, der alleine betet, für den Imām, als auch für den, der hinter ihm betet. Dies gilt gleichermaßen für Gebete, bei denen der Qur`ān leise rezitiert wird als auch bei solchen, wo er laut rezitiert wird. Denn dies wird durch die zahlreichen und authentischen Ĥadīthen belegt. Was den folgenden Vers anbetrifft, wo es darin heißt, "Und wenn der Qur`ān vorgetragen wird, dann hört ihm zu und horcht hin, auf dass ihr Erbarmen finden möget!" so ist dies im allgemeinen Sinne. Auch der Ĥadīth, „Wenn er (der Imām) rezitiert, dann hört ihm aufmerksam zu.“, ist allgemein und gilt sowohl für die al-Fātiĥah als auch für anderen Suren. Diese beiden Beweistexte werden durch folgenden Ĥadīth spezifiziert: „Es gibt kein (gültiges) Gebet für den, der nicht die eröffnende des Buches (d.h. al-Fātiĥah) rezitiert hat.“ Dieser Ĥadīth schafft den Zusammenhang zwischen all den Beweisen.

Was jedoch den Ĥadīth anbetrifft, wo es darin heißt „Die Rezitation des Imām ist die Rezitation desjenigen von euch, der hinter ihm betet.“, so ist dieser ein schwacher (Da’īf) Ĥadīth. Es ist nicht richtig zu sagen, dass das sagen von „Āmīn" derjenigen, die hinter dem Imām beten, nachdem er die Rezitation der al-Fātiĥah beendet hat, ihnen die selbe Stellung bringt, als hätten sie es selbst gelesen. Die Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten über diese Frage sollte nicht als ein Mittel genommen werden, um einander zu hassen, sich zu spalten und einander den Rücken zu kehren. Vielmehr muss man die Sache im Detail studieren und mehr darüber in Erfahren bringen.

Wenn einer von euch einen Gelehrten folgt, der sagt, dass derjenige, der hinter einem Imām betet, die al-Fātiĥah während des Gebets rezitieren muss, in der der Qur`ān laut gelesen wird, dann ist nichts Falsches daran. Und wenn einer von euch einen anderen Gelehrten folgt, der sagt, dass man schweigen und lauschen muss, wenn der Imām das Gebet verrichtet, wo der Qur`ān laut rezitiert wird und dass die Rezitation der al-Fātiĥah des Imāms ausreichend ist, so es ist auch hier nichts Falsches daran. Es besteht keine Notwendigkeit für eine Gruppe, die andere diesbezüglich zu tadeln oder Hass gegen sie zu hegen.

Beide müssen offen sowohl für die Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten sein, als auch für die Gründe dafür. Und bittet Allah darum, Er möge euch in allen Fragen, bei denen es unterschiedliche Auffassungen gibt, die richtige Führung geben möge, denn Er ist der Allhörende. Und möge Allah unseren Propheten Muĥammad loben und Heil schenken.“

 

Und Allah weiß es am besten!

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