Jemanden als Neuerer erklären

Frage:

Oh unser Scheikh, es gibt eine Frage  unter den Studenten des Wissens bezüglich einer Person, die in eine Neuerung gefallen ist. Ist es erforderlich, um ihn als Neuerer zu erklären, zuerst einen Beweis gegen ihn zu bringen oder ist dies nicht nötig? Bereichere uns, möge Allah es dir mit Gutem vergelten.

 

Antwort:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Alles Lob gebührt Allah und Frieden und Segen auf dem Gesandten Allahs, seiner Familie, seinen Gefährten und denjenigen, die seiner Rechtleitung folgen. Um fortzufahren:

Wohl bekannt ist von Ahlu ş-Şunnah, dass wer auch immer in eine Angelegenheit fällt, die zu Kuffr (Unglaube) führt, dann wird er nicht als Ungläubiger bezeichnet bis der Beweis gegen ihn erbracht ist. Jemand der in eine Neuerung fällt gehört zu einer dieser folgenden Kategorien:

Die erste Kategorie:

Ahlu l-Bidda‘ (Leute der Neuerung); wie die Rawāfid, die Khawāridj, die Djahmiyyah, die Qadariyyah, die Mu’tazilah, die Sufis, die Grabanbeter, die Murdji`ah und jeder, der sich ihnen anschließt, wie die Gruppen Ikhwān al-Muşlimīn und Djamā’at at-Tablīĝ.

Die Şalaf machten es nicht abhängig, dass der Beweis gegen sie erbracht werden muss, um sie als Neuerer  zu erklären.

Also wird gesagt, dass der Rāfidī ein „Mubtadi‘“ (Neuerer) ist und ebenso der  Khāridjī etc., und dies ist der Fall, wenn ein Beweis gegen sie erbracht worden ist oder nicht.

Die zweite Kategorie:

Dies betrifft jemanden von Ahlu ş-Şunnah, der in eine „klare Neuerung“, etwa, wie die Aussage, dass der Qur`ān erschaffen worden ist oder die Aussage der Qadariyyah oder die Meinung der Khawāridj und auch andere. Solche Individuen werden als Neuerer erklärt und dies ist in Übereinstimmung mit dem Weg der Şalaf.

Ein Beispiel davon, wird in dem was über Ibn ‘Ummar überliefert worden ist, demonstriert, als man ihn über die Qadariyyah fragte. Er sagte: „Wenn du diese Leute triffst, dann informiere sie darüber, dass ich wahrlich frei von ihnen bin und sie frei von mir.“[1]

Scheikhu l-Işlām sagte in seinem Buch „Dar’u T’ārud al-‘Aql wa n-Naql“: „Der Weg der Şalaf und der Imame der Vergangenheit ist, dass sie sorgfältig überlegten und die korrekten Bedeutungen benutzten, welche von der Religion und dem Verstand bestätigt worden.

Ebenso überlegten sie sorgfältig und nutzten die Bedingungen und Ausdrücke, die von der Religion bestätigt wurden, deshalb nutzten sie sie in ihren Ansprachen, wann immer sie konnten. Wer also mit Ausdrücken sprach, die eine falsche Bedeutung beinhalteten und dabei dem Buch und der Şunnah widersprach, dann widerlegten sie (Şalaf und die Imame) denjenigen. Und wer auch immer mit einem neuen Ausdruck oder Begriff kam, der sowohl Wahrheit und Falschheit beinhaltete, so würden sie (die Şalaf und die Imame) ihn ebenfalls der Neuerung zuschreiben, und sie sagten: Wahrlich er hat nur eine Neuerung mit einer anderen konfrontiert und Falschheit mit dem widerlegt, was selbst falsch ist .“[2]

Ich (Scheikh Rabee’) sage: Diese Passage demonstriert manche der großen und wichtigen Angelegenheiten, die die „Şalaf aş-Şāliĥ“ in Angriff nahmen, um ihre wahre Religion zu beschützen und zu bewahren. Ebenso demonstriert diese Passage die Mittel der Vorkehrung, welche die Şalaf  trafen, mit Hinblick auf die Gefahren und Katastrophen, die durch Neuerungen und Fehler hervorkommen. Dazu gehört:

Erstens, sie warnten streng gegen Neuerung, und ihr Anliegen für die Benutzung von korrekten Ausdrücken und Bedeutungen, bestätigt durch Religion und Verstand. Also, soweit wie sie in der Lage waren, sprachen sie nie ohne die beiden (Religion und Verstand). Ebenso verwendeten sie nie Ausdrücke und Äußerungen, außer mit der korrekten Bedeutung, die von der Religion bewiesen sind.

Zweitens, dass sie (die Şalaf) die Beschützer und Hüter der Religion waren, also wer auch immer mit Worten sprach, die sowohl Wahrheit als auch Falschheit enthielten und deshalb gegensätzlich zu dem Buch und der Şunnah, so würden sie ihn widerlegen. Und wer auch immer mit einem erneuerten Ausdruck sprach, der Wahrheit und Falschheit mit einbezog, so würden sie ihn der Neuerung zuschreiben, auch wenn er „Ahlu l-Bāţil“ (Leute der Falschheit) widerlegte und die Şalaf sagten: „Wahrlich er hat nur eine Neuerung mit einer anderen konfrontiert und Falschheit mit dem widerlegt, was selbst falsch ist .“ Und dies wäre der Fall, selbst wenn der Widerleger von den tugendhaftesten der Ahlu ş-Şunnah war.

Und die Şalaf sagten niemals: „Sein Mudjmal (allgemeine und unklare Aussagen) sollte auf sein Mufaşşal (detaillierte und erklärte Aussagen) zurückgeführt werden, weil wir ihn als jemand von  Ahlu ş-Şunnah kennen.“

Nach der Überlieferung dieser Passage, die die Methodologie der Şalaf und der Imame demonstriert, sagte Scheikhu l-Işlām: „Und davon gibt es weit verbreitete Erzählungen, welche al-Khalāl in seinem Buch „aş-Şunnah“ erwähnt (und ebenso Andere mit Hinblick auf die Angelegenheit des „al-Lafdh“ [Jemand, sagt dass die Rezitation des Qur`ān geschaffen sei] und die Angelegenheit des „al-Djabr“ [Die Aussage derjenigen, die sagen, der Mensch sei zu seinen Taten gezwungen] ).“

Ich (Scheikh Rabee‘) sage: Er (Scheikhu l-Işlām), möge Allah barmherzig mit ihm sein, verweist auf die Imame der Şunnah, die solche als Neuerer ansahen, die sagen: „Meine Rezitation des Qur`ān ist erschaffen“, weil dies eine Aussage ist, die Wahrheit und Falschheit enthält.

Und ebenso die Aussage des „al-Djabr“ (der Mensch ist zu seinen Taten gezwungen), beinhaltet sowohl Wahrheit als auch Falschheit, und Scheikhu l-Işlām erwähnte, dass Imame wie al-Auzā’ī, Aĥmad Ibn Ĥanbal und Andere es für etwas tadelnswertes hielten und dabei tadelten sie beide Seiten, sowohl die es verneinten und ablehnten, aber ebenso diejenigen, die es bejahten.

Er (Scheikhu l-Işlām) sagte: „Und es wurde über az-Zabīdī, Sufyān at-Thawrī, ‘Abdur-Raĥmān Ibn Mahdī und Anderen berichtet, dass sie es verabscheuten, wenn jemand die Aussage von  al-Djabr, im allgemein Sinne, erwähnte.

Und al-Awzā’ī, Aĥmad und Andere sagten: Wer die Aussage von „Djabr“ macht, hat geirrt und wer auch immer sagt: „Lamm Yudjbbar’ (Verneinung von al-Djabr), der irrt (ebenfalls). Vielmehr sollte man sagen: „Wahrlich Allah leitet recht, wen Er will und lässt in die Irre gehen, wen Er will etc.“

Und sie (die zuvor genannten Imame) sagten, dass der Ausdruck „al-Djabr“ keine Grundlage in dem Buch und der Şunnah hat, die einzige Bezeichnung, die in der Şunnah enthalten ist, ist „al-Djibl“ und nicht das Wort „al-Djabr“.

Es wurde authentisch vom Propheten, möge Allah ihn loben und Heil schenken, berichtet, dass er zu al-Aschadj Abdu l-Qaiş sagte: „Wahrlich, du hast zwei Eigenschaften, die Allah liebt: Sanftmut (Güte) und Geduld“ Also sagte er (Al-Aschadj ‘Abdu l-Qaiş): „Erlernte ich diese beiden (Eigenschaften) oder tendiere ich von Natur aus zu ihnen (Djubiltu ‘Alaihimā)? “ Der Prophet antwortete: „Vielmehr tendierst du zu ihnen (Ball, Djubilta ‘Alaihimā)“. Also sagte er (al-Aschadj ‘Abdu l-Qais): „Alles Lob gebührt Allah, der mich erschaffen hat und der mich von Natur aus zu diesen Eigenschaften tendieren ließ, die Er liebt.“

Und sie (die zuvor genannten Imame) sagten: „Das Wort al-Djabr ist ein unklarer (mehrdeutiger) Begriff (Mudjmal).“

Dann machte er (Scheikhu l-Işlām) klar, dass die Bedeutung des Begriffs al-Djabr einerseits eine wahre Bedeutung haben könnte, andererseits aber auch eine Bedeutung, die falsch ist. Dann gab er für jedes  davon ein Beispiel und sagte: „Die Imame untersagten die Verallgemeinerung der Bejahung des Ausdrucks al-Djabr und die Verneinung, weil es eine Bidd‘ah (Neuerung) war. Dabei enthielt es Wahrheit und Falschheit.“

Adh-Dhahabī sagte: „Aĥmad Ibn Kāmil al-Qādī sagte: „Ya’qūb Ibn Schaybah war ein Faqīh ( Gelehrter der Islamischen Rechtswissenschaft des Fiqh) und einer der älteren Gefährten von Aĥmad Ibn Mu’athal und al-Ĥārith Ibn Mişkīn, aber er nahm die Position des „al-Waqf“ ein (unentschlossene Haltung im Bezug auf den Qur`ān, weder offen zu sagen, der Qur`ān sei das unerschaffene Wort Allahs, noch zu behaupten, dass er erschaffen sei).“

Adh-Dhahabī sagte: „Ich sage:  Ya’qūb Ibn Schaybah nahm seine zuvor genannte Haltung  von seinem Scheikh Aĥmad. Und ‘Alī Ibn Dja’d, Muş’ab az-Zubairī, Abu Işrā‘īl und eine Gruppe von Anderen nahmen ebenfalls diese Haltung im Bezug auf den Qur`ān an. Dabei widersprachen sie schätzungsweise eintausend Imamen. Der Rest der Imame der Şalaf und diejenigen, die nach ihnen kamen, lehnten die Meinung, dass der Qur`ān erschaffen sei, ab. Und sie hielten die Djahmiyyah für Ungläubige (möge Allah uns in der Religion beschützen).“

Abu Bakr al-Marwathī sagte: „Ya’qūb Ibn Schaybah zeigte seine Haltung im Bezug auf den Qur`ān, und zwar „al-Waqf“, offenkundig als er in Bagdad war. Also warnte Abu ‘Abdillah die Leute vor ihm. Und  al-Mutawakkil beauftragte ‘Abdur-Raĥmān Ibn Yaĥyā Ibn Khāfān, dass er  Aĥmad Ibn Ĥanbal über denjenigen fragen sollte, dem in al-Qadā` (Urteil und Rechtswissenschaft) gefolgt wird. ‘Abdur-Raĥmān sagte: „Also fragte ich ihn (Imam Aĥmad Ibn Ĥanbal) über Ya’qūb Ibn Schaybah. So sagte er (Imam Aĥmad): Er ist ein Mubtadi‘, (ein Neuerer), und eine Person der Gelüste.

Al-Khatīb sagte: „Seine Beschreibung in so einer Weise, war aufgrund des Aussage von „al-Waqf“ (im Bezug auf den Qur`ān).”[3]

Al-Khatīb erwähnte ebenfalls die Geschichte über  Dawud al-Aşbahānī Adh-Dhāhirī, dass er eine gute Beziehung zu Şālīĥ Ibn Aĥmad hatte. Eines Tages kam er nach Bagdad und fragte Şālīĥ, dass er Nachsicht mit ihm dabei hat, seinen (Şālīĥs) Vater um Erlaubnis zu bitten. Also ging Şālīĥ zu seinem Vater und sagte zu ihm: „Da ist ein Mann, der nach deiner Erlaubnis fragt, einzutreten.“ Sein Vater sagte zu ihm: „Wie ist sein Name?“ Dawud antwortete: „Şālīĥ.“ So fragte sein Vater: „Woher ist er?“ Şālīĥ antwortete: „Er ist von den Leuten der Aşbahān.” Also sagte sein Vater, in dem er weiter fragte: „Was machst du mit ihm?“

Also gab Şālīĥ seinem Vater eine kurze Einführung über ihn. Abu ‘Abdullah hörte nicht auf ihn zu untersuchen, bis er realisierte und ihm alles klar wurde, also sagte er: „Wahrlich,  Muĥammad Ibn Yaĥyā An Naişābūrī informierte mich über seinen (Dawud al-Aşbahānīs) Zustand, dass er behaupte, der Qur`ān sei erschaffen. So lasse ihn nicht herein!“

Şālīĥ antwortete, indem er sagte: „Oh mein Vater! Er verneint und lehnt dies ab!“ Also sagte Abu ‘Abdullah: „Muĥammad Ibn Yaĥyā ist wahrhaftiger als er. Gebe ihm also nicht die Erlaubnis zu betreten und sich mir zu nähern!”[4]

Dies betrifft jemanden von Ahlu ş-Şunnah, der wohl bekannt ist für sein Streben nach der Wahrheit, aber in eine unklare und nicht offensichtliche Neuerung fiel.

Was jemanden dieser Individuen angeht, der verstorben ist, dann ist es nicht erlaubt, ihn als Neuerer  zu bezeichnen. Vielmehr spricht man gut von ihm.

Was jemanden dieser Individuen angeht, der noch lebt, dann sollte man ihm Ratschläge geben und ihm die Wahrheit deutlich machen, und keiner sollte hastig darin sein, ihn als Neuerer zu erklären. Wenn er jedoch an seiner Neuerung festhält, so sollte er als Neuerer erklärt werden.

Scheikhu l-Işlām Ibn Taimiyah sagte: „Und viele der rechtgeleiteten von den Şalaf und von denen, die nach ihnen kamen, machten Aussagen und verrichteten Taten, die Neuerungen gleich kamen. Aber sie wussten nicht, dass diese Neuerungen waren, entweder aufgrund ihres Handels nach schwachen Aĥādīthen, während sie sie als authentisch vermuteten oder aufgrund von fehlendem Verständnis von bestimmten Versen des Qur`ān, bei denen sie etwas verstanden, was sie eigentlich nicht beabsichtigten. Oder aufgrund von Meinungen zu bestimmten Themen, bei denen sie keinen Text (vom Qur`ān oder der Şunnah) erhielten.

Jedoch, wenn eine Person seinen Herrn fürchtet, so viel er in der Lage ist, dann gehört er zu denen in der Aussage Allahs: "Oh unser Herr, belange uns nicht für etwas, was wir aus Vergesslichkeit und Verfehlung taten."

Und es wurde in einem Ĥadīth überliefert, dass Allah sagt: „Ich habe geantwortet.“ Und dies wurde an einem anderen Platz überliefert.“[5]

Zusammenfassend, ist es nicht erlaubt, vollkommen und absolut nach dem Erbringen des Beweis, gegen Ahlu l-Bidd‘ah generell zu rufen. Ebenso ist es nicht erlaubt, ihn komplett abzulehnen. Vielmehr ist die Angelegenheit so, wie sie erklärt worden ist.

Mein Ratschlag an die Studenten des Wissen ist, dass sie an dem Buch und der Şunnah festhalten und exakt in der Methodologie der Şalaf in allen Belangen ihrer Religion sind, besonders in Bereichen, die verbunden sind mit:

·         At-Takfīr – (Leute zu Ungläubigen erklären)

·         At-Tafşīq – (Leute als ungehorsame und rebellische Sündiger erklären) und:

·         At-Tabdī‘ – (Leute zu Neuerer n in der Religion erklären).

Dies sollte derart der Fall sein, dass es nicht zu viel Streitigkeiten und Verfeindung in diesen Themen verursacht.

Und ich rate inständig, besonders der Şalafī-Jugend, dass sie all die Wege komplett vermeiden, die gegenseitige Missgunst, Zertrennung, Unterscheidung und Uneinigkeit verursachen. All die Dinge, die von Allah gehasst werden, die Dinge, wovor Er (Allah), der edle Gesandte, die tugendhaften Şaĥābah und die Şalafu ş-Şālīĥ warnten.

Ebenso rate ich ihnen (der Şalafī-Jugend) inständig, dass sie sich in Dingen anstrengen und abmühen, die das Gefühl der Liebe und Brüderlichkeit unter sie bringt. Die Dinge, die von Allah und seinem Gesandten geliebt werden.

Möge Allah unseren Propheten Muĥammad segnen und seine Familie und seine Gefährten.

 

Scheikh Rabee’ Ibn Hādī ‘Umair al-Madkhalī vom 24. Ramadān 1424 n.H.

 

 

 



[1]
Überliefert von Muslim

[2]Band 1, S. 254

[3]Aş-Şiyar, Band 12, S. 478

[4]Tārīkh al-Baghdād, Band 8 S. 374

[5]Ma’āridj al-Waşūl, S: 430

Meistgelesene Beiträge